Angina was?!

Angina Pectoris, Ödem oder Reflux - du verstehst nur Bahnhof? Dann geht es dir wie vielen anderen auch. Eine Publikation in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift spricht nun endlich aus, was viele Jahre als Unmöglich galt: sprecht eine einfache Sprache!

Es beginnt bereits in der Ausbildung

Meine praktische Abschlussprüfung zur examinierten Gesundheits- und Krankenpflegerin ist schon über zehn Jahre her. An zwei Dinge erinnere ich mich sehr gut. Zum einen an die politische Diskussion: Der Beruf der Krankenschwester sollte mehr Anerkennung erfahre. Deshalb hieß es fortan nicht mehr Krankenschwester, sondern GESUNDHEITS- und Krankenpflegerin. Damit wollte man implizieren, dass der Beruf sich der Gesundung (physisch, sowie psychisch und im sozialen Kontext) widmet und sich nicht nur um Krankheit kümmert. Zum anderen erinnere ich mich an meine Abschlussnote im praktischen Teil und die Begründung dazu. Ich erhielt eine Zwei. Die Begründung: der Prüfer würde im praktischen Teil niemals eine eins vergeben, da dann alles perfekt sein müsse. Und außerdem habe ich beim Gespräch mit dem Patienten das Wort „blauer Fleck“ und nicht die medizinische Ausdrucksweise „Hämatom“ verwendet. Ich dachte schon damals, was ist das denn für ein Stuss, akzeptierte die Zwei kommentarlos und wanderte nach meiner Ausbildung direkt in die Schweiz aus, um dort zu arbeiten.

Natürlich wanderte ich nicht wegen der Note in die Schweiz aus, sondern weil das Gesundheitssystem in Deutschland schon vor über zehn Jahren eklatante Lücken aufwies. Heute im Jahr 2019 kann man nicht mehr darüber wegsehen und die Politik nimmt sich der Thematik an. Vielleicht diesmal mit fruchtbareren Maßnahmen als eine Umbenennung der Berufsbezeichnung.

I just understand Bahnhof!

Die Tage las ich: „Viele Patienten verstehen ihren Arzt nicht“. Im Klinikum Bogenhausen in München führten Mediziner eine Befragung bei etwa 200 Patienten durch. Dabei wurde nach 43 häufig verwendeten medizinischen Begrifflichkeiten gefragt: zum Beispiel „Angina Pectoris*“ oder „Reflux*“. Rund ein Drittel der Befragten, konnte mit den Fachbegriffen nichts anfangen. Ein weiteres Drittel gab an, zu wissen was gemeint ist, konnte jedoch keine Erklärung abliefern.

Zeit, das Schweigen zu brechen

Ich musste direkt an meine damalige Abschlussprüfung denken und finde es mehr als begrüßenswert, dass medizinisches Fachpersonal die Verwendung von Fachbegriffen in der Patientenkommunikation nun offiziell in Frage stellt. So wie ich damals dachte „das ist doch Stuss“ geht es wahrscheinlich vielen anderen in der Medizinbranche auch. Aber die Befürchtung von der eigenen Berufsgruppe als inkompetent klassifiziert zu werden, überwiegt. Und so versteckt sich jeder hinter Begrifflichkeiten und dem Patienten hilft das absolut nicht. Wie soll er sich mit etwas befassen, dass er nicht mal aussprechen, geschweige buchstabieren und googlen kann? Und wie wir alle wissen: gibst du was in Google ein, erhältst du 99 falsche Antworten und eine richtige… und diese eine musst du erstmal identifizieren. Darüber hinaus sollte es nicht nötig sein das Internet zu befragen, wenn der Fachmann (in diesem Fall das medizinische Fachpersonal) vor einem steht.

Kritiker könnten nun sagen, die Befragung sei nicht repräsentativ da die Stichprobe recht klein ist. Im Hinblick auf meine Berufserfahrung schätze ich die Relevanz der Ergebnisse allerdings als sehr hoch ein.

Auch deutsche Begriffe unklar

Bei der Befragung der Patienten stellte sich außerdem heraus, dass deutsche Bezeichnungen ebenfalls keine Garantie für die klare Informationsweitergabe sind. Begriffe wie Darmspiegelung, Sodbrennen oder Verstopfung waren bei den befragten Personen zum Teil auch nicht ausreichend bekannt. Doch wie soll man diese Situation kommunikativ bewältigen?

Passende Kommunikationstechniken sind bekannt

Der Ausbildungslehrplan zur Krankenschwester (ich benutze die Begriffsbezeichnung Krankenschwester nach wie vor, da ich weiß, dass die Ausbildung anspruchsvoll ist und eine neue Begrifflichkeit, den Inhalt weder auf- noch abwertet) beinhaltet auch Psychologie. Das hat mehrere Gründe: Erstens, da die Arbeit in einer psychiatrischen Abteilung bzw. Psychiatrie ebenfalls zum Berufsbild zählt. Zweitens, weil physische Erkrankungen immer auch eine psychologische Komponente beinhalten und Drittens, weil Gesprächsführung u.ä. mit Patienten und Angehörigen einen essentiellen Baustein in der Therapie darstellen. Zu den konkreten Lerninhalten während der Psychologieunterrichts zählen Gesprächstechniken, etwa das Aktive Zuhören.

 

Daran kann man sich beispielsweise gut im Gespräch orientieren. Das Rückfragen, ob alles richtig verstanden wurde, sowie das Wiederholen des Gesagten durch eigene Worte sind zwei Möglichkeiten, um einen Informationstransport sicherzustellen.

Keine Zeit versus Berufsethos

Scheinbar kommen solche Gesprächstechniken in der Praxis zu kurz. Warum das so ist, ist die große Frage. Klar ist die erste Rechtfertigung: Zeitmangel, Hektik im Alltag, keine Möglichkeit die aufgewendete Zeit finanziell abzurechnen.

 

Wenn wir allerdings nicht selbst beginnen auf solche kommunikativen Basics Wert zu legen, dann wird sich auch auf darüberliegenden Ebenen nichts bewegen. Ich habe große Zweifel, dass der Bundesgesundheitsminister anordnet: „in Gesprächen mit medizinischem Inhalt wird Aktives Zuhören oder eine andere Gesprächstechnik zu Grunde gelegt, und zudem ist das Fachpersonal verpflichtet nur deutsche Begrifflichkeiten zu verwenden“. Als mündiger Erwachsener und im Hinblick auf den Berufsethos sollte der Anspruch, dass ein Patient mich versteht Grundlage

meines Denkens sein.

Glossar:

Angina pectoris: Durchblutungsstörung des Herzens, durch Verengung der Gefäße. Ödem: Flüssigkeitseinlagerung im Gewebe.

Koloskopie: dt. Begriff Darmspiegelung, Untersuchung des Dickdarms (teilweise auch Ende des Dünndarms) mit einem optischen Gerät (Endoskop).

Reflux: pathologisch gesteigerte Rückflüsse, zum Beispiel vom Magen in die Speiseröhre. 

Obstipation: dt. Begriff Verstopfung, Störung bei der Darmentleerung.

Sodbrennen: saures Aufstoßen, teilweise auch Schmerzempfinden vom Oberbauch aufsteigend.